Jun'ichiro Tanizaki
Japans bekanntester Fußfetischist
Bei der Lektüre von Simone de Beauvoirs Werk „La vielleisse“ („Das Alter“) stieß ich erstmalig auf den Namen des japanischen Autors Jun'ichiro Tanizaki. In ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität im Alter greift sie wiederholt auf dessen Werk „Das Tagebuch eines alten Narren“ (1962) zurück.
In Form von Tagebucheinträgen läßt Tanizaki am Leben eines, dem Tode nahen japanischen Seniors teilnehmen.
Sein zum Teil autobiographisch inspirierter Protagonist ist wie so häufig im Werke Tanizakis ein bekennender Fussfetischist. Er verfällt seiner Schwiegertochter Satsuko, die ihm als Gegenleistung für den Kauf teuren Schmuckes das Ausleben seines Fetisches erlaubt:
Sie stand genauso vor mir wie am 28. Juli. Ich drückte meine Lippen auf die gleiche Stelle ihres Unterschenkels und genoß mit der Zunge hingegeben die ganze Köstlichkeit ihrer Haut. Es war wie ein Kuß auf den Mund. Langsam glitt ich mitder Zunge hinunter bis zur Ferse. Zu meiner Überraschung gab sie kein Wort von sich. Sie ließ mich widerspruchslos gewähren. Meine Zunge erreichte den Rist ihres Fußes und dann die Zehenspitzen. Ich kniete mich hin und nahm einen ihrerFüße in die Hand. Die große Zehe und die zweiteund dritte steckte ich in meinen Mund. Die Sohle ihres nassen Fußes sah zauberhaft aus – lebendig wie ein Gesicht. (Tagebuch, 86)
Seine Faszination für ihre Füsse gehen soweit, dass er sie bittet, Fussabdrücke für ihn zu machen, die als Grundlage für seinen Grabstein sein sollen...
Durch das komplette Werk des 1886 geborenen, japanischen Autors zieht sich die Thematisierung seines Fetisch wie ein roter Faden. Bereits in „Tätowierung“ (1910 in der Zeitschrift „Shin-Shichô“ erschienen), einer seiner ersten Erzählungen überhaupt, spielt die Faszination für den weiblichen Fuß eine grosse Rolle. Der Tätowierer Seikichi erliegt der Schönheit des Fusses eines jungen Mädchens, den er tätowiert.
In der bislang leider noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegenden Erzählung „Der Fuß von Fumiko“ (1919 in der Revue Rûben erschienen) findet sich ein mehrseitige Passage, die sich nur mit der Schönheit des Fusses jener Geisha namens Fumiko beschäftigt. Hier findet sich gebündelt das Geflecht aus Sadomasochismus, Fetischismus und der unerfüllten Liebe zu einer hübschen Frau.
Im Spätwerk ist es es dann neben dem bereits erwähnten „Tagebuch eines alten Narren“ auch der Roman „Der Schlüssel“ (1956), in dem sein männlicher Protagonist sich zum Fussfetischismus bekennt.
Es sind kleine, zierliche und zarte Füsse, die es ihm angetan haben. Liebevoll beschreibt er sie immer wieder in seinem Werk. Dabei geht es ihm vorrangig um den Anblick des Fusses und die Ästhetik; weniger um das Berühren und Küssen, wie es im „Tagebuch eines alten Narren“ thematisiert wird, und auch nicht unbedingt, um einen Akt der Unterwerfung unter die Frau, wie es ja häufig Thema der Fetischliteratur ist. Dabei greift er auf ein klassisches Bild zurück – der kleine, weisse Fuß gilt in der japanischen Literatur als ein klassisches Schönheitsideal.
Seine Auseinandersetzung mit dem Fussfetischismus soll nach Mutmassung von Anne Bayard-Sakai, auch durch eine Auseinandersetzung mit Krafft-Ebings „Psychopathia Sexualis“ beeinflusst sein. (Vorwort von Anne Bayard-Sakai zu „Le pied de Fumiko“ (Mercure de France Paris 1998), S. 5f. )
Dennoch ist Tanizaki frei von dem häufig daraus resultierenden Bedürfnis sich zu rechtfertigen – oder seinen Fetischismus vor dem Vorwurf des Pathologischen in Schutz zu nehmen. Seine häufig biographisch-geprägten Protagonisten sind mit sich bezüglich ihres Fetischismus im Reinen. Das macht die Lektüre seines Werkes angenehm. Hier wird der Fetischismus als fester Bestandteil der eigenen Sexualität anerkannt und akzeptiert.
Geschadet hat es seinem Ruhm nicht – er gilt als einer der bedeutendsten japanischen Autoren des 20. Jahrhunderts und wurde zeitweise als Literaturnobelpreisträger gehandelt. In der Fetischszene gilt er hingegen immer noch weitgehend lediglich als ein Geheimtipp...
von Camillo Rack
Literaturempfehlung zum Artikel:
Tätowierung in Japan erzählt
Margarete Donath
Fischer Verlag Frankfurt/Main
Das Tagebuch eines alten Narren
Jun'ichiro Tanizaki
Rowohlt Verlag Reinbeck bei Hamburg
Der Schlüssel
Jun'ichiro Tanizaki
Rowohlt Verlag Reinbeck bei Hamburg